Verein zur gesellschaftlichen Integration
von Zuwanderern

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Abraham Spitz, geboren 1936 in Nikolajew, Ukraine, seit 2003 in Deutschland

Heimat ist dort, wo man sich wohl fühlt

Zusammen mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Enkelsohn kam Abraham Spitz vor drei Jahren nach Leipzig. Der 70 Jährige arbeitete mehr als 40 Jahre als Chirurg in Sibirien und Kasachstan und malt in seiner Freizeit Aquarelle und Ölgemälde.


Seit wann sind Sie in Deutschland?

Am 8. Juli 2006 waren es 3 Jahre. Haben Sie diesen Tag gefeiert, ist der 8. Juli ein wichtiges Datum für Sie? Wir haben nicht gefeiert, aber wir denken an dieses Datum. Ich denke, es ist ein wichtiges Ereignis, weil es unser Leben verändert hat.

Haben Sie lange darüber nachdenken müssen?

Ja, das war nicht einfach. Wir haben unsere Unterlagen abgegeben und sie wurden fast 4 Jahre lang geprüft. Wenn man 4 Jahre auf seine Papiere wartet, hat man viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel, ob diese Entscheidung richtig ist, ob wir wirklich das Richtige tun. Dann hat uns sehr beschäftigt, was aus den Kindern wird, ob sich meine Tochter hier adaptieren kann, ob unser Enkel die russische Sprache vergisst. Es war ein sehr langer und quälender Prozess. Dabei hatte ich keine Angst um mich selbst, sondern vielmehr um meine Angehörigen. Meine Frau und mein Enkel werden manchmal nostalgisch, sie sehnen sich. Meine Tochter hingegen ist sehr froh, hier zu sein.

Wo haben Sie damals gelebt?

Geboren wurde ich in Nikolajew in der Ukraine. Als die Stadt von den Deutschen okkupiert wurde, beschloss meine Mutter, mit mir und meinem Bruder zu fliehen. Mein Vater trieb zu diesem Zeitpunkt gerade eine Viehherde nach Osten, aber uns blieb wenig Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Gerade noch rechtzeitig gelang es, die Stadt zu verlassen - nur wenige Tage später wäre eine Flucht nicht mehr möglich gewesen. Ich war damals zwar erst fünf Jahre alt, kann mich aber an einige Dinge noch sehr genau erinnern. Meine Mutter packte schnell ein paar Lebensmittel und die wichtigsten Dokumente zusammen, nahm meinen zweijährigen Bruder auf den Arm und ich hängte mich an ihren Rockzipfel. Wir schlossen uns einem Flüchtlingszug Richtung Stalingrad an. Das war eine Strecke von ungefähr 200 Kilometern. Als wir dort ankamen, hatten die Deutschen auch diese Stadt besetzt und wir mussten weiter. Wir wurden in Viehwaggons nach Sibirien evakuiert und waren mehrere Wochen unterwegs. Als wir ankamen, standen Holzbaracken bereit, die extra für uns Flüchtlinge gebaut wurden. Es gab dort auch viele vertriebene Deutsche, ich wuchs mit ihnen auf, wir spielten miteinander und einige deutsche Worte, die ich damals lernte, kommen mir jetzt wieder ins Gedächtnis. Ich erinnere mich, dass die Deutschen unter Aufsicht standen, für uns galt diese Bestimmung jedoch nicht. Vielleicht sind wir unseres Nachnamens wegen in dieser eher deutschen Siedlung untergebracht worden, möglicherweise haben wir sogar deutsche Vorfahren, aber mit Sicherheit kann ich das nicht sagen. Sehr viel mehr möchte ich darüber nicht erzählen. Diese Sequenz dient eher der Vollständigkeit. Ich habe sie erzählt, weil sie zu meinem Leben gehört.

Ich habe mehr als 30 Jahre in Sibirien gelebt, die letzten 25 Jahre in Kasachstan verbracht und dort in einem sehr großen Krankenhaus gearbeitet. In manchen der medizinischen Abteilungen wurden auch Studenten ausgebildet, Vorlesungen abgehalten und die Studenten hatten eigene Arbeitsbereiche, in denen sie Theorie und Praxis miteinander verbinden lernten. Ab und an übernahm ich einige dieser praktischen Kurse, ich war also zusätzlich an der medizinischen Fakultät als Pädagoge tätig und für die Ausbildung der Studenten mitzuständig.

Sie haben sozusagen Basisarbeit geleistet?

Ja, unser Professor bat mich, Studenten zu unterrichten. Der Lohn, den ich dafür erhielt, richtete sich nach Anzahl der Unterrichtsstunden, die ich gab. Das war aber nicht meine Hauptaufgabe, sondern eher eine Nebentätigkeit. Das stand erst an zweiter, dritter, vielleicht auch zehnter Stelle.

Was haben Sie hauptberuflich gemacht?

Ich habe als Chirurg gearbeitet. Der Unterricht hatte nie wirklich Priorität, weil ich nur von Zeit zu Zeit unterrichtete. Es kam zwar auch vor, dass ich zwei oder drei Semester lang Studenten betreute, aber das tat ich nie durchgängig. Mein Hauptberuf war die Chirurgie. Von meiner Arbeit als Pädagoge oder von der Kunst hätte ich nicht leben können - das war eher ein Zubrot. Aber ganz gleich in welchem Bereich, es war immer mein Ziel, überall ausgezeichnete Arbeit zu leisten. Wissen Sie, ich war und bin Perfektionist und nahezu pedantisch. Ich würde nicht behaupten wollen, dass mir die Erfüllung meines eigenen Anspruches immer dreihundertprozentig gelungen ist, aber ich habe nie aufgehört, danach zu streben, sowohl in der Chirurgie als auch in der Malerei.

Ihre Freizeit widmeten Sie der Malerei?

Ja, immer wenn ich Zeit hatte, nicht zu müde war und meine Frau mich gelassen hat. Sie wäscht, kocht und macht alles Nötige im Haushalt und ich habe Zeit zum Malen. Die Malerei ist jedoch mehr als eine Freizeitbeschäftigung für mich, ich würde sie eher als meine zweite Berufung bezeichnen.

Aber ihre Kunst brachte Ihnen kein Geld?

Nein, von meiner Kunst konnte ich nie leben. Hätte ich davon leben müssen, wäre ich wahrscheinlich verhungert. Ab und an haben Ausländer meine Werke gekauft. Aber das brachte nichts ein, das wäre zu wenig zum Leben gewesen.

Wie lange haben Sie als Chirurg gearbeitet?

Ich stand mehr als 40 Jahre im OP. In diesem Jahr bin ich 70 geworden. Rechnet man meine Ausbildung ein, habe ich fast 50 Jahre als Chirurg im Krankenhaus gearbeitet. Ich war nie in einer Praxis tätig, sondern hatte jeden Tag große, schwierige Operationen und machte oft Nachtdienst. Das Geld, was ich mit Tagesdiensten verdiente, hätte nicht gereicht. Deshalb musste ich Nachtdienste übernehmen und Überstunden machen. Ärzte haben damals so gut wie nichts verdient. Ich habe oft den ganzen Tag gearbeitet, eine Nachtschicht drangehängt und trat danach meinen normalen Dienst an. Ich besetzte also nicht nur eine Stelle, sondern anderthalb!

Hatten Sie da noch Zeit für die Familie?

Wenig! Meine Kinder habe ich nicht oft gesehen. Aber eine Sache muss ich ihnen diesbezüglich erklären: Die gesamte medizinische Arbeit in der Sowjetunion, und später in Kasachstan, in Usbekistan, in der Ukraine, in Moldawien und in Weißrussland, wurde gering besoldet. Ärzte haben nur 60 - 70 % des Durchschnittslohnes der restlichen Bevölkerung bekommen. Sie verdienten also generell sehr wenig und mussten Überstunden machen! Ich glaube, dass man uns so wenig bezahlt hat, weil der Regierung das menschliche Leben nicht übermäßig viel wert war. Und da ein Leben nichts wert war, bekamen die, die es retteten, auch wenig dafür. Das zeigt, dass es überhaupt keine Demokratie in diesem Land gab. Ein Sklavenleben hat keine Bedeutung. Selbst ein Schaf oder ein Pferd ist mehr wert als das Leben eines Sklaven. Das steht schon in der Bibel.

Sie sagten, das sei eine der Seiten der fehlenden Demokratie?

Wie soll ich sagen: Es gab keine Demokratie!
Haben Sie sich in Russland aufgrund des Fehlens der Demokratie beengt gefühlt? Wissen Sie, wir waren wie kleine Kinder. Wenn sich ein Kind schlecht fühlt, weint es, aber es weiß nicht warum. Es geht ihm einfach nicht gut. Und die erwachsenen Menschen haben sich auch nicht gut gefühlt und kannten den Grund dafür nicht. Nur die Klügeren haben das verstanden.

Geht man vom griechischen Begriff demos aus, bedeutet Demokratie im eigentlichen Sinne die Herrschaft des Volkes. Eine Herrschaft, die direkt oder repräsentativ aus dem Volk hervorgeht und die seinem Interesse bzw. dem Interesse der Mehrheit entspringt und entspricht. Wenn ich heute über Demokratie nachdenke, bin ich davon überzeugt, dass das Volk sich anders regieren würde. Es kann und könnte sich nicht selbst töten oder sich selbst schlecht behandeln. Ich denke, das Volk wäre wie eine Familie und würde genauso handeln. Eine Familie gibt alles, wenn es ums Überleben geht, alles was zum Überleben notwendig ist und sie hilft sich gegenseitig. Warum tut ein Staat, der angeblich demokratisch ist, nicht alles für seine Bürger und behauptet, kein Geld zu haben? Ich bin der Meinung, dass ein Staat wie eine Familie funktionieren und alles für seine Bürger tun muss. Dabei gibt es viele Dinge, die notwendig sind, aber auch etliche überflüssige.

Aber damals wie heute war und blieb ich eher unpolitisch. Ich beschäftige mich mit Geschichte und Philosophie und mehr als einmal stellte sich mir die Frage, ob ein einzelner überhaupt in der Lage ist, etwas zu verändern. Ich bin ein "kleiner" Mensch mit einem gewissen Hintergrund, der sich im Laufe der Jahre viele Kenntnisse angeeignet hat. Aber das Problem war immer, um seine eigenen Grenzen zu wissen und dass man Leuten wie mir kaum Zeit zum Nachdenken gelassen hat. Wir arbeiteten und arbeiteten und arbeiteten.

Dachten Sie, das müsste so sein?

Ja, ich habe geschuftet wie ein Tier - vielleicht wie ein Maulwurf. Ich habe gegraben und gegraben, aber mir war nicht bewusst, wohin ich graben soll und warum ich überhaupt grabe. Ich wusste es nicht! Mir ging es nicht gut und ich konnte nicht einmal sagen, warum das so ist. Ich musste arbeiten und wünschte mir ein besseres Leben, aber ich wusste nicht, warum ich so schlecht gelebt habe. Als ich noch jung war, habe ich das alles nicht verstanden.

Sie nahmen an, je mehr man arbeitet, desto besser würde man leben?

Ja, aber erst in den letzten 20 Jahren habe ich verstanden, dass ich niemals reich werde, egal wie viel ich arbeite. Die Operationen, die ich machte, kosteten 80.000 $, manche davon 100.000 $! Irgendwann in den letzten Jahren hatte ich ein Gespräch mit einem Kollegen. Sein reicher Nachbar war an Darmkrebs erkrankt. Er ließ die Operation in Israel machen und zahlte 140.000 $. Auch ich habe diese Operationen durchgeführt, aber ich bekam 30 oder 40 $ Dollar im Monat dafür. Ich glaube in Israel verdienen die Ärzte sehr viel mehr. Das verstehe ich zwar irgendwie, aber 30 Dollar sind zuwenig.

Jetzt lasse ich mich doch zu einer politischen Aussage hinreißen: Das Gesundheitswesen in der ehemaligen Sowjetunion bekam nur die Reste der Finanzen des Staates. Diese Finanzpolitik war Restepolitik, also eine Finanzierung aus den Resten des Staatsbudgets. Analysten der Planwirtschaft haben berechnet, dass 3 - 5 % des Staatsbudgets ausreichend seien, um das Gesundheitssystem zu finanzieren. In Frankreich beispielsweise stehen 40 % zur Verfügung. In den letzten Jahren der Sowjetunion sank das Budget sogar auf ca. 3 %. Von den Fakten her, konnte das Gesundheitswesen auf dieser Basis nicht funktionieren, trotzdem existierte es weiter. In der ehemaligen Sowjetunion gab es eine Augenklinik, die weit über die Landesgrenzen bekannt war, vielleicht weil sie durch eine andere Finanzpolitik getragen wurde. Hier wurde nach den Ergebnissen der Arbeit gefördert, nicht nach dem Prinzip, welche Arbeit durch Förderung überhaupt möglich ist. Als Tschasow, der ehemalige Gesundheitsminister, gefragt wurde, warum nicht das gesamte Gesundheitswesen auf dieser Basis finanziert wird, meinte er, das würde schon allein deswegen nicht funktionieren, weil auf diesem Wege das ganze System mehr Geld bräuchte. Hinzu kam, dass und man noch immer dem Gedanken des ersten Gesundheitsministers, der ein Kampfgenosse von Lenin war, folgte. Und der war einst davon überzeugt, dass das Volk die guten Ärzte ernähren wird. Also brachte das Volk den Ärzten Geschenke mit, wenn es ins Krankenhaus musste. Aber genau das führte zu einem jahrhundertealten Phänomen wegen dem Peter I. seine Beamten nicht bezahlte: Korruption und Schmiergelder, die so groß waren, dass sie sich Häuser davon kaufen konnten und auf den Lohn nicht angewiesen gewesen wären. Das hieß, wer ehrlich war und sich nicht schmieren ließ, blieb arm. Die Finanzierung des Gesundheitswesens funktionierte nur, weil die Ärzte mehr oder weniger gratis gearbeitet haben.

Betrachten Sie das als Ausbeutung?

Ja, so war es. Ich war immer ein gesetzestreuer Bürger, aber mit Politik habe ich mich nie beschäftigt. Die Politik hat sich mit mir beschäftigt. Ich habe mich nicht eingemischt oder bin permanent auf Konfrontationskurs gegangen. Ich war ja ständig am Arbeiten. Sicher, mir gefiel vieles an diesem System nicht, aber ich wäre nicht in der Lage gewesen, es zu ändern. Als Arzt war ich eher unpolitisch, aber die Ärzte standen immer abseits des Politischen - das war keineswegs nur in der ehemaligen Sowjetunion so.

Dass es die Sowjetunion jetzt nicht mehr gibt, dass sie so wie sie war nicht weiter existieren konnte, verstehe ich. Aber die Republiken der ehemaligen Sowjetunion, auch wenn ich nicht alle kenne, sind meine Heimat, selbst wenn es meine Heimat als ein großes Land nicht mehr gibt. Ich empfinde meine Heimat zwar noch als ein Land, weiß aber, dass dem nicht mehr so ist ...

Was für ein Bild hatten Sie damals von Deutschland; was haben Sie sich vorgestellt?

Mir war klar, dass ich in Deutschland kein Paradies vorfinden werde. Probleme gibt es überall, auch hier. Und deshalb bin ich auch nicht enttäuscht, denn einen Staat, der keine Schwierigkeiten hat, wird man nicht finden. Es existiert nur einen Ort auf der Welt, an dem es überhaupt keine Probleme gibt, und das ist der Himmel. Auch Deutschland hat seine Schwierigkeiten. Was ich hier sehr schätze, ist die Freiheit und die Ungezwungenheit. Leider gibt es einige Leute, die dem nicht gerecht werden. Manche sind einfach schlecht erzogen.

Ich denke, dass für viele Menschen und auch für mich einer der Gründe, warum wir hier sind, der ist, dass wir an die Zukunft unserer Kinder gedacht haben. Ich habe dort für unsere Kinder keine Perspektive gesehen.
Es ist schlimm für mich, dass meine Tochter hier keine Arbeit findet. Sie hat an der Universität Lebensmittel- und Warenkunde und die Organisation des Handels studiert, und ihr Diplom wurde problemlos anerkannt. Alle Fächer, die sie dort studierte, werden hier auch gelehrt. Sie hat hier Sprachkurse besucht und fragte in der Otto-Benecke-Stiftung nach speziellen Sprachkursen für Fachleute dieses Bereiches. Leider werden solche Kurse nicht angeboten. Also besuchte sie in der Euro-Schule Kurse, die neben speziellen Fächern auch soziale Fragen, Krankenpflege und die Organisation des Handels behandelten. Dafür bekam sie die entsprechenden Zertifikate. Wenn sie beim Arbeitsamt vorspricht und nach Kursen oder Weiterbildungen fragt, ist sie überqualifiziert und man meint, dass ihr Diplom ausreicht, um eine Arbeit zu suchen und zu finden. Jetzt schreibt sie hauptberuflich Bewerbungen.
Ich habe dieses Beispiel aus dem privaten Bereich gewählt, weil ich denke, dass dies ein generelles Problem ist. Als die Sowjetunion zerfiel, wurden dort in erster Linie hochqualifizierte Fachleute arbeitslos, Ärzte, Ingenieure und Wissenschaftler. Hier ist die Situation eine andere, denn hier verlieren vor allem die unqualifizierten Arbeitnehmer ihre Arbeit. Die ehemalige Sowjetunion konnte nie einen überdimensionierten Überbau, also eine breite intellektuelle Klasse gebrauchen. Was der Staat jedoch brauchte, waren Leute an der Basis, also Leute, die funktionieren und nicht dachten. Er brauchte keine Programmierer und keine Musiker. Viele von den Menschen, die arbeitslos wurden und keine Zukunft mehr hatten, reisten gen Westen, in die USA, nach Israel oder nach Europa.

Die Leute, die hierher gekommen sind, sind oft sehr intelligent und gebildet. Ich denke, dass die deutsche Gesellschaft, und in erster Linie der Staat selbst, nicht in der Lage ist, dieses Potential zu erkennen und zu nutzen. Mich verwundert das, weil ich weiß, dass die Deutschen sehr pragmatisch sind. Aber dieser Aspekt wird hier, aus welchen Gründen auch immer, nicht berücksichtigt.

Viele von den Menschen, die eingereist sind, sind enttäuscht, weil sie etwas anderes erwartet haben. Sie sind enttäuscht, weil sie ihren sozialen Status aufgegeben haben.
Ich persönlich bin nicht enttäuscht. Ich war dort Arzt, ich habe mehr als 40 Jahre am OP-Tisch gestanden - ich bin Arzt geblieben und ich werde als Arzt sterben. Dinge wie eine Villa, ein großes Auto und ein dickes Bankkonto interessieren mich nicht so sehr. Mein jetziger sozialer Status ist nicht der Schlechteste, ich bin Rentner und ich habe meine Beschäftigung, meine Kunst. Alles andere, also Essen, Kleidung und so weiter, hat mir Gott sei Dank die deutsche Regierung gegeben. Davon abgesehen, ist das Schicksal meiner Kinder das Allerwichtigste für mich.
Ich lese russische und deutsche Zeitungen und finde oft den Gedanken, dass sich die Kinder von Zuwanderern auf einem niedrigeren Niveau befinden, weil sie schlechter lernen. Dieser Gedanke ist meines Erachtens falsch. Unser Enkelkind konnte noch kein Deutsch, als wir hierher kamen. Wir sind jetzt seit drei Jahren hier und er hat es geschafft, innerhalb von knapp zwei Jahren die deutsche Sprache zu lernen.

Wie alt ist Ihr Enkel?

Er ist Ende November zwölf Jahre alt geworden. Mittlerweile lernt mein Enkel am Gymnasium und ihm gefällt es dort sehr. Er mag den Umgang mit den Anderen, die Offenherzigkeit. Sie versuchen hier, jedes einzelne Kind zu verstehen. Das wurde mir klar, als ich mit seiner Klassenlehrerin sprach. Sie hat ein Notizbuch, in das sie alles über die Kinder hineinschreibt.
Aber wichtiger als gute Noten sind meiner Meinung nach gute Kenntnisse und über die verfügt er. Ich weiß, was es bedeutet im Kreis der Feinde zu arbeiten und sich keine Fehler erlauben zu dürfen. Ich habe mein ganzes Leben unter solchen Bedingungen gearbeitet und ich weiß, wie es ist, alles besser wissen und können zu müssen, um den anderen ebenbürtig zu sein. Es hätte ein Feigling aus mir werden können, aber ich wurde zu einem Kämpfer. Ich wünsche mir, dass aus meinem Enkelkind auch ein Kämpfer wird. Der Unterschied zwischen der Situation hier und dort ist, dass der Kämpfer hier vorankommt.

Stendhal, ein französischer Schriftsteller, der das Buch "Schwarzes und Rotes" geschrieben hat, sein richtiger Name ist Marie-Henri Beyle und er lebte im 19. Jahrhundert, hat gesagt: Der Mensch ist reich an den Dingen, die man ihm nicht abnehmen kann. Man kann ihm sein Haus, sein Grundstück, seine Frau und seine Kinder wegnehmen. Das Einzige, was man ihm nicht nehmen kann, sind seine Kenntnisse.

Frau Spitz kommt ins Wohnzimmer und bittet uns zu Tisch. Nachdem uns Herr Spitz auf dem Weg ein paar Anekdoten zu seinen Bildern erzählte, nahmen wir in der Küche Platz. Bei Kaffee und Kuchen plauderten wir unter anderem über den Künstlerverein in Kasachstan und über Ausstellungen, an denen er hier teilnahm und setzten das Gespräch im Wohnzimmer fort.

Sie haben als Chirurg gearbeitet und in ihrer Freizeit gemalt. Gibt es eine Verbindung zwischen Ihrer Arbeit und Ihrem Hobby?

Es gab einmal einen Gelehrten namens Pawlow, der den Nobelpreis bekommen hat. Er unterteilte die Menschen in zwei Kategorien: in Leute, die rein rational denken und in solche, die kreativ arbeiten. Pawlow meinte, dass Chirurgen keine kreativen Menschen sind. Vielleicht ist das ein wenig beleidigend, aber im Großen und Ganzen hat er damit vielleicht sogar Recht. Trotzdem denke ich, dass es hier kein absolutes Entweder-oder gibt. Man gehört nicht einfach einer dieser Kategorien an; beide vermischen sich.

Sie haben viele Eindrücke aus Kasachstan festgehalten. Sind diese Bilder Ausdruck eines Heimatgefühls?

Nein, die Natur ist dort sehr malerisch und sehr beeindruckend und ich habe versucht, das festzuhalten. Bevor wir nach Kasachstan gingen, habe ich sehr lange in Sibirien gewohnt und dort viele Landschaften gemalt.

Empfinden Sie Sibirien und Kasachstan noch als ihre Heimat? Was ist Heimat für Sie?

Je nachdem, was man unter dem Begriff Heimat versteht. Ich wurde in der Ukraine in der Stadt Nikolajew am Schwarzen Meer geboren. Ich denke, dass Heimat nicht nur der Ort ist, an dem man geboren wurde und lebt. Heimat als Begriff ist sehr kompliziert und einfach zugleich. Heimat ist dort, wo man sich wohl fühlt. Und jetzt ist Deutschland meine Heimat. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein und hier gelebt zu haben. Das ist eigentlich unmöglich, aber ich empfand es so. Meine Frau hat Sehnsucht. Sie ist nostalgisch. Mir geht es nicht so. Ich hatte dort nicht das, was man wahre Freunde nennt, sondern Mitarbeiter und Kollegen und ich kannte Menschen, die ich immer wieder gern traf, mehr nicht. Zu Land und Leuten hatte ich keine starke Verbindung. Was mir jedoch fehlt, sind die Wüste, die Steppe und die Berge. Aber Sehnsucht nach den Leuten, die dort geblieben sind, habe ich nicht. Ich kannte ehrbare Menschen und all das bleibt im Gedächtnis, aber es haftet nicht ewig. So ist das Leben!

Haben Sie hier schnell neue Bekannte gefunden? Dadurch, dass Sie an Ausstellungen teilnehmen, kommen Sie sicher schnell in Kontakt und sind unterwegs....

Ich habe nicht explizit nach anderen Künstlern gesucht. Frau Kretschmer weiß, dass ich mich mit Kunst beschäftige. Sie hat einige meiner Arbeiten gesehen und mir vorgeschlagen, eine Ausstellung zu machen, was ich auch tat. Das war meine erste Ausstellung in diesem Land, auf die weitere Einladungen folgten - aber auch danach habe ich nicht gesucht. Ich glaube, das Ergebnis, also die Ausstellung, ist im Endeffekt gar nicht so wichtig, sondern vielmehr der Prozess und die Arbeit an den Exponaten. Es ist wichtig, zu arbeiten; alles andere kommt von selbst.

Ich habe nie spitze Ellenbogen gehabt, nicht in der Medizin und auch nicht in der Kunst. Trotzdem war ich in der Republik als Chirurg bekannt und wurde von so manchen Professoren geehrt. Ich verfasste ungefähr achtzig wissenschaftliche Artikel im chirurgischen Bereich und veröffentlichte mit anderen Autoren zusammen einige Lehrbücher.
Und was die Ausstellungen betrifft: Ich habe in der Sowjetunion ungefähr 100 Ausstellungen gehabt. Ich denke, diesbezüglich war einer der größten Erfolge in meinem Leben, dass einige meiner Werke 1957 im Rahmen eines internationalen Festivals der Jugendlichen und Studenten in Moskau gezeigt wurden. Seit ich hier bin, hatte ich vier Ausstellungen.

Ist es schwer, hier Orte zum Malen zu finden?

Ja. Die Künstler müssen dafür bezahlen. Das ist absurd.

Sie erzählten uns von einem Künstlerverein, in dem Sie Mitglied waren.

Ich bin auch jetzt noch Mitglied des Designer- und Künstlervereins Kasachstans.

Was ist das Ziel dieses Vereines?

Der Verein hat ein Ziel: Künstler zu vereinigen und Ihnen bei der Vorbereitung ihrer Ausstellungen helfen. Die Mitgliedschaft wird vom künstlerischen Niveau abhängig gemacht. Deshalb ist es eine Ehre für mich, dort Mitglied zu sein. Aber geehrt zu werden, macht nicht satt. Wie gesagt, von meiner Kunst hätte ich nicht leben können.
Hier in Deutschland ist es sehr schwierig, Ausstellungen vorzubereiten, weil ich die Leute nicht kenne und es ziemlich teuer ist, Bilderrahmen zu kaufen. Aber wenn ich eine Einladung für eine Ausstellung bekomme, sage ich nicht ab.
Sie haben an einer Ausstellung jüdischer Künstler teilgenommen. Sind Sie selbst Jude und praktizieren Sie den jüdischen Glauben? Ich bin jüdischer Herkunft. Ich sag mal so, ich glaube an Gott, aber ich bin nicht orthodox.

Sie sind gläubig, üben aber die Rituale nicht aus?

Ich glaube an einen Gott, der über allen Menschen steht.

Eine Frage beschäftigt mich noch. - Was hat Sie sozusagen dazu bewogen, und ich setzt das mal in Anführungsstriche, "ausgerechnet" nach Deutschland zu kommen?

Sie wollen also wissen, warum ein Jude nach Deutschland kommt?

Ja, warum kommt ein Jude nach Deutschland?

Sie haben das sehr sensibel formuliert, aber ich habe es trotzdem verstanden. Erstens ist das eine Art Vertrauensbeweis der deutschen Gesellschaft gegenüber. Ich glaube an die Demokratie in Deutschland und an ihren Bestand, obwohl es die NPD gibt. Und was die Antisemiten angeht, Antisemitismus gibt es auf der ganzen Welt. Ich bin Optimist und sehe die Dinge positiv.
Um im medizinischen Bereich anerkannt zu werden, musste ich immer sehr gut arbeiten. Ich musste als Jude immer besser sein und mehr wissen, als alle anderen, erst dann war ich ihnen ebenbürtig. Ich fühlte mich oft als Mensch unter Feinden, was ich aber letztlich positiv bewerte. Das ist die Erkenntnis, die ich in dieser Zeit gewonnen habe.

Ich habe mich ein wenig mit der Geschichte der Juden in Russland beschäftigt, von Katharina II. bis Alexander III. Die Politik, die bezüglich der jüdischen Bevölkerung gemacht wurde, verschärfte sich im Laufe dieser Zeit dramatisch.
Zu allen Zeiten und in allen Ländern hatten es Fremde schwer. Ganz besonders in den Zeiten, die chaotisch oder wirtschaftlich und strukturell schwierig waren, wurde die Schuld immer bei den Fremden gesucht. Schon im Mittelalter, egal, ob in Frankreich, in Deutschland, in Tschechien oder in Polen, wenn es zum Beispiel Missernten, Krankheiten oder Epidemien gab, lag die Schuld bei den Juden.

In den deutschen Siedlungsgebieten in Russland gab man den Juden und den Deutschen die Schuld. Aber die Christen und die Muslime vergessen - aus welchen Gründen auch immer - dass die Grundlagen des Glaubens im Judaismus zu finden sind. Die Völker in Europa konnten noch nicht einmal lesen, da hatten meine Vorfahren schon die Bibel geschrieben. Alles, was für die Menschen ethischen Wert hat, ist christlichen und islamischen Ursprungs, aber alles, was wir wertschätzen, nimmt seinen Anfang in der Bibel.
Ich habe keine Angst vor den Fragen und auch keine Angst, sie zu beantworten. Aber ich habe nicht auf alles eine Antwort. Gott könnte alles beantworten, aber das tut er nicht immer.


Dieses Interview wurde in deutscher und russischer Sprache von Anna Beller und Andrea Kilches geführt.


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