Verein zur gesellschaftlichen Integration
von Zuwanderern

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Frieda Kaiser, geboren 1917 in der Wolgadeutschen Republik, Russland, seit 1994 in Deutschland, gestorben 2010 in Leipzig

Köpft mich, kreuzigt mich - ich glaube!

Frieda Kaiser wurde 1917 als Deutsche im Wolgagebiet geboren und lebt seit 13 Jahren in Leipzig/Grünau. In das Gesicht der 91 Jährigen, die klein von Wuchs ist, hat das Leben tiefe Falten gegraben. Aber trotz ihres fast weißen Haares wirkt sie weitaus jünger, als sie ist - vielleicht weil sie uns regen Geistes aus ihrem Leben erzählte und noch heute versucht, die Geschichte(n), die ihr widerfuhr(en), zu verstehen und einzuordnen. Sie empfahl uns die Lektüre einiger historischer Werke und betonte, wie wichtig es ihr ist, ihre Geschichte im größeren historischen Kontext eingeordnet zu wissen und dass sie diese nicht als Einzelschicksal, sondern als die eines ganzen Volkes verstanden wissen will, die erzählt werden muss. Vor diesem Hintergrund räumte sie schmerzhaften Erinnerungen ebenso viel Raum ein wie teils humorvoll erzählten Sequenzen aus ihrem Alltagsleben. Das Interview wurde in deutscher Sprache geführt und basiert auf ihren Memoiren, die sie uns im Vorgespräch bereitwillig zur Verfügung stellte und die sie mit "Ein Teil meines - unseres Lebens" betitelte.


Frieda Kaiser 1938
Frieda Kaiser 1938

Vieles, was in der Geschichte passiert ist, steht in Zusammenhängen, die man kennen muss. Ich habe in den letzten Jahren sehr viel gelesen. In meinen Memoiren ist einiges davon zu finden, aber trotzdem dachte ich mir, dass ich nicht zu viel über politische Dinge schreiben soll, weil ich zu wenig davon verstehe. Aber ich glaube, ich habe vom Sturz des Zaren berichtet und wie Lenin an die Macht kam. In diesem Zeitraum fing doch alles an. Erst sollten die Kommunisten weg, dann die Gutsbesitzer und 1917 war die Revolution in vollem Gange, Lenin kam an die Macht, starb aber bereits 1924 und dann folgte Stalin und mit ihm die Kollektivierung und die Entkulakisierung und so weiter und so fort.

Ich wurde 1917 im Dorf Schwaben geboren. Meine Urgroßeltern folgten dem Aufruf Katharinas II., sich an der Wolga anzusiedeln und Russland beim Aufbau einer neuen wirtschaftlichen und kulturellen Ära zu helfen. Den Ort, an dem sie lebten, benannten sie nach ihrer alten Heimat: Schwaben.
Mein Vater stammte aus einer Pfarrersfamilie, wurde ebenfalls an der Wolga in Stephan geboren und arbeitete in Schwaben als Pfarrer. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er die Gemeinde und wir zogen in seinen Heimatort zurück.

Als der Vater meiner Mutter starb, gingen wir zurück nach Schwaben zu meiner Großmutter, die alt und krank war und Hilfe brauchte. Sie hatte ein großes Haus mit Bibliothek und eine Apotheke - allein hätte sie das nicht geschafft. Sie wurde wieder gesund, aber schon bald gab es eine Missernte und fast das ganze Dorf erkrankte an Typhus. Auch unsere Familie war davon betroffen, aber wir wurden wieder gesund. Das war 1921, ich war damals vier Jahre alt.
Alles in allem erlebten meine Schwester und ich glückliche Kindertage. Wir spielten mit den anderen, tobten im Schnee und gingen gern zur Schule. Im Sommer halfen wir unseren Eltern bei der Obsternte und der Pflege des Gartens. Wir führten ein ganz normales Leben.

Kurz nachdem Stalin an die Macht kam, begann die Kollektivierung. Uns wurde alles weggenommen - das Vieh, die Kaninchen, das Angebaute - einfach alles. Den Leuten war es egal, wie wir weiterleben werden. Es war furchtbar zuzusehen, wie alles weggeschafft wurde. Mein Vater wurde verhaftet, weil er als Pfarrer arbeitete. In den Folgejahren wurden fast alle Kirchen zerstört und man verhaftete sehr viele Pfarrer oder richtete sie hin.

Als meine Schwester und ich die zweite Klasse besuchten, verlangte man von uns, uns vom Glauben loszusagen. Weil wir uns weigerten, wurden wir ein Jahr lang aus der Schule ausgeschlossen.
Als mein Vater bereits zwei oder drei Wochen inhaftiert war, kamen Leute, die unsere Kirche zerstören sollten. Und glauben sie es oder glauben sie es nicht: Es wollte nicht gelingen! Zuerst haben sie alles zugeschlossen und die Fenster mit Brettern vernagelt. Aber als jemand auf das Dach kletterte, um das Kreuz vom Kirchturm zu nehmen, wendete sich das Blatt. Er fiel einfach herunter und war tot. Der Zweite bestieg das Dach, auch er fiel herunter. Ein Dritter fand sich nicht. An unserer Kirche hat sich nie wieder jemand zu schaffen gemacht. Sie stand dort, als wäre nichts gewesen. Die Kirche in Balzer haben sie zerstört, aber in Stephan war Gott stärker als der Feind.

Pastor Hesele, Vater von Frieda
Kirche: 1972 Stadt Omsk. Deutsche Kirchen waren
bis zur Perestroika verboten. In privaten Räumen
traf man sich illegal zum evangelischen Gottesdienst.
Auf dem Bild Pastor Hesele, Vater von Frieda.

Man musste den Mut dazu haben, die Gottesdienste im eigenen Haus abzuhalten. Wir schlossen alle Fenster, damit niemand hörte, dass wir sangen, beteten und aus der Bibel vorlasen. Wir haben und wollten unseren Glauben nicht vergessen, auch wenn das bedeutete, dass wir ihn heimlich leben müssen.
In der Zeit davor wurden die Kirchen zwar nicht staatlich unterstützt, sondern mussten von der Gemeinde zum Beispiel mit Spenden selbst getragen werden, aber wir konnten ungehindert unsere Gottesdienste abhalten. In der Kirche hielt man sich an bestimmte Regeln: die Frauen kamen dunkel gekleidet und mit Kopfbedeckung zum Gottesdienst, die Männer trugen ebenfalls dunkle Kleidung. In der Kirche saßen Frauen, Männer und Kinder getrennt.

Wir haben die christlichen Festtage gefeiert: am Ostersonntag läuteten die Glocken, zu Weihnachten gab es einen Christbaum, wir feierten Messen, zu denen der Chor sang - wir befolgten die Grundsätze des christlichen Glaubens und wurden in seinem Sinne erzogen. Dass so gegen die Kirche vorgegangen wurde, das hat mit Stalin begonnen. Er wollte uns und den Glauben vernichten. Aus unseren Kirchen wurden Speicher oder Tanzdielen oder sie wurden dem Boden gleich gemacht. Zwar konnte er die Kirchen zweckentfremden oder zerstören - aber nicht uns.
Doch nicht nur die Pfarrer wurden verfolgt, inhaftiert oder erschossen - auch den Intellektuellen erging es so. Viele kamen auf die Insel Sachalin oder in den hohen Norden. Nur wenige erfuhren, was mit ihren Angehörigen geschehen war.

Mein Vater wurde verhaftet, weil er als Pfarrer arbeitete. Nach drei Monaten kam er wieder frei, aber 1928 oder 1929 wurde er wieder arretiert und nach Dobrinka gebracht. Wir mussten das Dorf verlassen und wurden auf die andere Seite der Wolga, also auf die Bergseite, nach Ilowatka geschickt. Zu dieser Zeit wurde die Entkulakisierung durchgeführt - wer Haus und Hof, Vieh und etwas Land hatte, galt als Großbauer, also als Kulake, und wurde enteignet. Viele Familienväter wurden damals und in der Folgezeit verhaftet und erschossen. Die Familien wurden vertrieben.

Wir standen vor dem Nichts. Also gruben wir wie viele andere ein Loch in die Erde und bauten uns ein Häuschen aus Zweigen, Reisig und Stämmen. Aus Steinen und Lehm setzten wir eine Kochstelle. Wir kämpften ums Überleben und hatten vor Hunger und Kälte ganz angeschwollene Gesichter, Hände und Füße. Da wir in der Nähe der Wolga lebten, gab es wenigstens genügend Wasser und unsere Nachbarn waren sehr nett; manche halfen uns, die erste Zeit zu überstehen und zu überleben. Meine Mutter konnte glücklicherweise recht bald in einer Milchfarm arbeiten.

Drei Jahre lang blieb mein Vater im Gefängnis. Dort war es schrecklich! Manchmal habe ich ihn dort besucht. Ich werde nie vergessen, wie mein Vater dort stand, er hatte einen Sträflingsanzug an und sah ganz ausgemergelt aus. Manchmal bat er mich um ein Stück Brot und ich gab ihm meinen Proviant, obwohl mein Magen knurrte. Und wenn er mich fragte, ob ich denn gegessen hätte, entgegnete ich: ‚Papa, nimm's nur, ich bin satt.' Es tat mir so weh zu sehen, wie hungrig er war. Einmal am Tag bekam er ein wenig Brot und Wassersuppe. Was ist denn das für ein Essen! Das ist ja selbst für eine Frau zu wenig, aber für einen Mann hat das hinten und vorne nicht gereicht.
Drei Jahre lang, ich glaube von 1929 bis 1931 war er dort. Mit Sicherheit kann ich es nicht mehr sagen, aber ich muss damals 11 oder 12 Jahre alt gewesen sein. Als ich dort war, meinte er: ‚Frieda, ich komme wahrscheinlich frei. Du musst unbedingt kommen, ich muss doch wissen, wo ihr wohnt.' Er hatte keine Ahnung, wohin man uns ausgesiedelt hatte und wo er uns auf der anderen Seite der Wolga findet. Die Wolga teilte unsere Heimat in die sogenannte Bergseite und in die Wiesenseite. Auf der Wiesenseite war es sehr feucht, man baute Honigmelonen, Wassermelonen und andere Früchte an und betrieb Handel mit den Dörfern auf der Bergseite der Wolga.

Jedenfalls sagte er mir, an welchem Tag er freigelassen wird und ich holte ihn in Dobrinka ab. Die Strecke war 20 km lang, man musste jemanden finden, der einen mit dem Boot über die Wolga brachte. Für ein 12 Jähriges Mädchen ist das ein sehr weiter Weg, aber ich hatte keine Angst, kannte ungefähr die Strecke und wenn mich das Gefühl überkam, ich hätte mich verlaufen, fragte ich jemanden nach dem Weg.
Als ich ankam, wartete mein Vater bereits auf mich und sagte: ‚Kind, ich bin frei!' Er verabschiedete sich von seinem Wärter und wir liefen los. Wir waren die ganze Nacht unterwegs. Mein Vater war sehr schwach, immer wieder kniete er sich nieder und betete: ‚Lieber Gott, gib mir die Kraft, zu meiner Familie zu kommen!' Am Morgen kamen wir in Ilowatka an, ein Mann half uns und fuhr uns über die Wolga.

Ich geleitete meinen Vater zu unserem neuen Heim und meine Mutter war ganz fassungslos: ‚Samuel, du bist da! Samuel, du bist gekommen!' Meine Mutter wusste nicht, dass und wann er freikommt. Mein Vater bat mich um Stillschweigen, weil er Angst hatte, dass noch irgendetwas passiert und er doch nicht freikommen würde. Auch meine Geschwister kamen sogleich, unsere Freude war unbeschreiblich.
Aber dann brach mein Vater vor Schwäche zusammen. Er fiel einfach um. Wir legten ihn auf eine Pritsche, kühlten seine Stirn mit Wasser und meine Mutter lief in die Milchfarm, um Molke zu besorgen. Sicher, wir haben nur die Abfälle der Milchwirtschaft bekommen, aber geholfen hat es trotzdem. Als mein Vater wieder auf den Beinen war, begann er als Buchhalter zu arbeiten.

Bald darauf bekamen wir Besuch von einer Kommission, die unsere Verbannung aufhob und uns erlaubte nach Dobrinka zu ziehen, was wir auch taten. In Ilowatka wurde nur bis zur vierten Klasse unterrichtet und mein Vater wünschte sich eine höhere Bildung für uns. Nach zwei Jahren wurden wir von dort weggeschickt und zogen nach Dreispitz. Zwei Jahre später starb meine Mutter, ich war gerade 17 Jahre alt, und Vater hielt dort nichts mehr. Das Haus war leer für ihn, alles war auf einmal fremd. Wir bekamen die Erlaubnis, nach Balzer zu ziehen.

Mein Vater heirate sehr schnell wieder und meine Schwester und ich besuchten nach Abschluss der 10. Klasse den Vorbereitungskurs für die medizinische Fakultät. Nachdem wir den bestanden hatten, begannen wir, Medizin zu studieren. Im ersten Studienjahr lief alles ohne Probleme und wir bekamen Geld von unseren Eltern, aber im zweiten Jahr hieß es seitens der Stiefmutter auf einmal, dass wir zuzahlen müssten, dass wir alt genug zum Arbeiten wären. Mein Vater wollte keinen Streit und gab uns nur noch sehr wenig Geld. Im ersten Sommer halfen wir bei der Obsternte an der Wolga und verdienten etwas dazu. Wir trugen das Obst mit Kiepen zu den Booten, das war eine Schlepperei. Meine Schwester hatte schon immer Rückenprobleme, die in dieser Zeit so schlimm wurden, dass sie diese Arbeit nicht mehr verrichten konnte. Im zweiten Studienjahr haben wir das Studium abbrechen müssen. Wir konnten das Studium nicht mehr finanzieren.

Mein Vater wollte keinen Streit mit seiner Frau und wir waren insgesamt fünf Kinder. Wir mussten also zusehen, dass wir eine Arbeit finden. In der Zeitung stand, dass man sich zum Buchhalter ausbilden lassen kann - diesen Weg schlug meine Schwester ein und trat in die Fußstapfen unseres Vaters. Für mich kam ein solcher Beruf nicht in Frage und nachdem ich erfuhr, dass in Uralsk in Kasachstan eine Schule eröffnet wird und Deutschlehrer gesucht werden, entschloss ich mich, Lehrerin zu werden. Deutschlehrer waren damals rar und ich liebte Kinder.

Kasachstan ist sehr weit von der Wolga entfernt, aber in Kasachstan gab es kaum Deutsche. Ich war ledig, ich hatte keine Kinder und ich war froh, dass ich eine Arbeit bekam. Meine Stiefmutter triezte mich und ich dachte mir, es sei besser in die Welt hinauszufahren, als zu bleiben. Mein Vater wusste, dass ich selbstständig bin, mich auf meinen Verstand verlassen kann und ließ mich mit Gottes Segen ziehen.

Frieda Kaiser 1938
1938 als Deutschlehrerin in Uralsk,
Kriegsschifffahrtsschule
Die Lehrerinnen mußten Matrosenuniform tragen,
„damit die Jungs nicht verückt wurden“,
wie Frieda Kaiser sich heute mit 91 Jahren erinnert.

Dort habe ich zwei Jahre lang zusammen mit drei anderen Mädchen in einem Zimmer im Studentenwohnheim gewohnt. Ich hatte Glück und konnte nach dem Studium an einer Abendschule unterrichten und den Leuten Lesen und Schreiben beibringen. Tagsüber habe ich studiert und am Abend verdiente ich mir meinen Lebensunterhalt. Viel war es nicht, aber es hat gereicht.
In der Abendschule leistete ich gute Arbeit, deshalb bot man mir am Ende des ersten Kurses an, in der 5. bis 7. Klasse Deutsch zu unterrichten und diese Klassen nach meinem Studium zu übernehmen. Recht bald kamen auch noch die 8. bis 10. Klassen dazu. Das Problem war, dass der Unterricht in einem kleinen Barackenbau abgehalten wurde. Deshalb kamen vormittags die jüngeren Klassen zum Unterricht und nachmittags die älteren. Zwischendurch blieb gerade mal Zeit für ein Mittagessen mit den Freundinnen, mit denen ich das Zimmer bewohnte. Gott sei Dank waren wir uns immer einig und hatten viel Spaß miteinander. Spaß muss sein, anders geht's nicht.

In Uralsk blieb ich bis 1938. Dann habe ich geheiratet. Meinen Mann kannte ich noch aus Balzer.
Und der Kontakt hielt sich über diese Zeit? Obwohl zwischen uns mehrere hundert Kilometer lagen, hielt sich der Kontakt die ganze Zeit. Wir haben uns in einer Fabrik kennen gelernt, in der wir beide gearbeitet haben. Ich war dort kurze Zeit im Lesesaal der Bibliothek tätig und wurde ihm vorgestellt. Er wollte mich schon 1937 heiraten. Aber ich dachte mir damals: Was soll ich heiraten? Ich stehe ja noch nicht mal auf eigenen Füßen. Also sagte ich zu ihm, solange das nicht der Fall ist, kommt kein Mann auf meine Rechnung. Er ließ mich gehen, aber es stellte sich natürlich die Frage, was aus uns wird. Ich meinte zu ihm, wenn er warten will, soll er warten und wenn nicht, eine andere heiraten. Das tat er aber nicht, sondern besuchte mich in Uralsk. Als er 1938 kam, meinte er zu mir: ‚Jetzt komm endlich nach Hause heiraten!' Und ich sagte: ‚Das werden wir sehen'. Ich musste ja arbeiten. Aber ich bekam Urlaub, fuhr mit ihm mit dem Schiff die Wolga entlang nach Balzer und: ich steckte mich mit Typhus an! Drei Wochen musste ich im Krankenhaus liegen. Ich meinte damals zu meinem Mann: ‚Jetzt bin ich krank, jetzt wirst du mich nicht mehr wollen und mich verlassen. Er entgegnete: ‚In der Not erkennt man die Freunde. Ich hab dich hier, ich lass dich nicht mehr gehen. Ich habe jetzt so lange auf dich gewartet, ich warte auch wieder auf dich.' Er hat mich jeden Tag besucht und sich um mich gekümmert. Mir ging es ein paar Tage lang so schlecht, dass ich im Fieberwahn zu ihm sagte, dass ich ihn von ganzem Herzen liebe. Ihm hat sich das tief eingeprägt, aber ich konnte mich an nichts erinnern, als er zu mir sagte: ‚Mir sind deine Worte so ins Herz gegangen. Wir sind eins - du bist mein und ich bin dein.'

Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wollten wir heiraten. Mein Arzt riet mir, mir der Hochzeit noch ein paar Monate zu warten und meinte: "Wissen Sie, heiraten ist Spaß, aber zusammen Leben ist kein Spaß. Sie werden sicher bald schwanger und dafür sind sie noch zu schwach.' Sechs Monate später hatte ich wieder rote Backen und war kräftig, einer Hochzeit stand nichts mehr im Wege. Kurze Zeit später wurde ich schwanger, aber ich verlor das Kind im vierten Monat. Also war ich schon wieder krankgeschrieben, erst wegen der Typhuserkrankung - und nun das.

Als ich wieder auf den Beinen war, versuchte ich, eine Arbeit zu finden. Balzer war eine große Stadt, Lehrer gab es genug und ich fand keine Stelle. Also fing ich als Sekretärin in der Prokura an. Ich musste dort Gefängnisprotokolle schreiben und abgeben, manchmal haben wir bis spät in die Nacht gesessen und gearbeitet. Wenn das so war, bekamen wir einen Hund, der uns nach Hause begleitete, meiner hieß Rex. Es war gefährlich, dort als Sekretärin zu arbeiten.

Bis wir ausgesiedelt wurden. Ich war über ein Jahr dort und sie waren mit meiner Arbeit sehr zufrieden. Dann kamen wir nach Kasachstan. Erst brachten sie uns nach Gankino, dann nach Paludino in eine Kolchose, dort blieben wir eine zeitlang.
Als Hitler 1941 den Friedensvertrag brach, fürchtete Stalin, die Wolgadeutschen könnten sich mit ihm verbünden. Also beschloss er, die künftigen Verräter ins Innere des Landes zu verschleppen. Außerdem war Stalin der Meinung, die Deutschen seien arbeitswillig und fleißig und könnten in den wenig besiedelten Gebieten von Nutzen sein, also in Sibirien, Kasachstan und im Ural.

Stalin hat einmal gesagt, die Deutschen sind wie Ameisen - wo man sie hinbringt, da nisten sie sich ein. Es gab einen Regierungsbeschluss und die Deutschen aus dem Wolgagebiet und aus anderen Regionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Sie mussten das Land, das ihre Vorfahren einst urbar gemacht hatten, verlassen. Niemand wusste, wohin der Transport geht. Es war schrecklich und schauderhaft, als sie uns von unseren Höfen vertrieben - die Katzen schrieen, die Hunde heulten, die Kühe brüllten, weil ihre Euter voll waren und gemolken werden mussten.

Wir wurden zum Bahnhof gebracht und in Saratow buchstäblich verfrachtet. Unsere Männer versuchten noch, die Wagen halbwegs wohnlich zu machen und Sitzgelegenheiten einzurichten. - Aber was konnten wir tun? Wir waren Verbrecher und wurden als solche behandelt.

Am 28. August 1941 wurden wir nach Kasachstan deportiert. Am 23. August kam unser Sohn zur Welt.

Sie haben uns in einen Viehwaggon gebracht, es war sehr eng in den Waggons, es gab keine Heizung, kein gar nichts. Manchmal bekamen wir etwas Suppe, manchmal nur Wasser und manchmal gar nichts.

Ich bekam Lungenentzündung und 41 Grad Fieber. Ich konnte mein Kind nicht mehr stillen. Aber im Waggon waren sieben weitere Familien mit kleinen Kindern. Eine der Frauen hat mein Kind für mich gestillt. Eine andere rief eine Ärztin, die nur meinte: ‚Sie stirbt heute oder morgen. Ihr könnt ein Grab für sie schaufeln, wir haben keine Arznei.' Ich war halbtot, nur mit Gottes Hilfe habe ich das überlebt. Wenn wir irgendwo raus durften, haben die anderen mir Wasser besorgt und mir das Gesicht gewaschen. Ich frage mich noch heute, wie mein Mann das alles ausgehalten hat.

Als wir in Nordkasachstan abgesetzt wurden, lag der Schnee schon kniehoch und weit und breit war kein Baum und kein Haus zu sehen, nur Schneewüste. Die meisten von uns trugen sommerliche Kleidung, dünne Blüschen und leichte Schuhe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur noch 39 Grad Fieber, mit 38 ist man ja fast wieder gesund. Mein Kleiner hat überlebt, aber sehr viele Säuglinge sind gestorben. Es war un-unglaublich! Un-unglaublich! Ich habe mein Kind an mich genommen und es mit meinem Atem gewärmt.

Irgendwann wurden wir auf Schlitten verladen. Wir haben uns auf unsere Füße gesetzt, damit sie nicht erfrieren, pressten die Kinder an uns und fuhren durch die Schneewüste nach Osten. Ich weiß nicht wie lange wir unterwegs waren, aber ich weiß, dass ich oft dachte, ich würde die Fahrt nicht überleben. Unterwegs starben weitere Kinder, die nicht genug Kraft hatten, gegen die Kälte anzukommen. Von sieben Säuglingen waren nur noch zwei am Leben.

Als wir im Dorf Gankino in einer Kolchose abgesetzt wurden, wussten wir nicht, wie es jetzt weiter geht. Niemand wollte uns Faschisten. Ihre Männer waren in den Krieg gezogen und kämpften gegen Deutsche und sie sollten Deutsche beherbergen?

Zuerst kamen wir für ein paar Tage im Kolchoskontor unter, dann nahm uns Gott sei Dank eine Frau auf. Sie hatte eine Kuh, die sie für uns molk. Ihr tat mein Kind leid und ich sagte ihr, dass ich es nicht mehr stillen kann. Also ging sie zu einer ihrer Nachbarinnen, die auch ein Neugeborenes hatte und bat sie, Amme meines Kindes zu sein, bis ich wieder auf den Beinen bin. Sie willigte ein und versorgte mein Kind, ansonsten wäre es gestorben.

Nachdem sie mich fragte, ob ich an Gott glaube und ich bejahte, brachte sie mir jeden Tag Brot, Milch und Wasser und führte eine Frau zu mir, die sich mit Kräuterheilkunde auskannte. Wir knieten nieder und beteten gemeinsam und sie kochte für mich ein Gebräu aus fünf Kräutern: Hirse, Hafer, Gerste, Breitblätterwegerich und Kamille. Diese Mischung werde ich meinen Lebtag nicht vergessen! Heraus kam eine grüne Suppe, die ich über den Tag getrunken habe. Und nach zehn Tagen war ich wieder gesund.
Kurz darauf konnte ich auch meinen Kleinen wieder zu mir nehmen. Als er geboren wurde, brachte er 3800 Gramm auf die Waage. Jetzt bestand nur noch aus Haut und Knochen und wog gerade mal 2300 Gramm. Ich nahm ihn in den Arm und sagte: ‚Du kannst so lange trinken, bis ich keine Milch mehr habe!' - Zwei Jahre und drei Monate habe ich ihn gestillt (lacht).

Kurz nach meiner Genesung wurde meinem Mann eine Arbeit in der MTS in Paludina angeboten. Er sollte helfen, die Traktoren, Pflüge und Eggen zu reparieren, weil sehr viele der ehemaligen Arbeiter in die Trudarmee eingezogen wurden. Er blieb Gott sei Dank verschont. Es hieß, dass keine weiteren Männer abgezogen werden können, weil sonst die Wirtschaft zugrunde geht. Für seine Arbeit sollte er 500 g Brot pro Tag und etwas Lohn bekommen.
Also zogen wir ins unweit gelegene Dorf Paludina. Erst wurden wir einer Frau zugewiesen, die uns aufnehmen sollte. Sie schlug uns vor, spazieren zu gehen und wollte auf unser Kind aufpassen. Aber als ich heimkam, lag der Korb umgeworfen auf der Erde und das Kind darunter. Von der Frau war weit und breit nichts zu sehen. Ich nahm das Kind hoch und drückte es an meine Brust. Es hat noch gelebt und keinen Schaden genommen. Ich wollte keine Minute länger bei dieser Frau bleiben und bat meinen Mann, eine neue Bleibe für uns zu suchen.

Dann kamen wir bei einer Frau mit drei Kindern unter, die zwei Zimmer bewohnte und uns eines davon überließ. Kurz darauf wurde sie jedoch sehr krank und die Ärztin meinte, dass sie nur gesund werden kann, wenn sie getrennt vom Lärm der Kinder Ruhe findet.
Also zogen wir weiter, kamen in eine Baracke und wurden sofort wieder weggeschickt, weil diese hoffnungslos überfüllt war.
Nebenan stand eine weitere Baracke, in der es ein freies Zimmer gab. Also gingen wir dorthin. Viermal sind wir innerhalb kürzester Zeit umgezogen! Immer wieder mussten wir von vorn anfangen, immer wieder in eine andere Wohnung finden!

Dass wir nicht verrückt geworden sind, ist ein Wunder.
In dem Zimmer haben wir erst einmal eine Grundreinigung machen müssen. Es war winzig und bot nur Platz für unsere Strohsäcke und ein kleines Tischchen. Was ist denn das für ein Leben! Als sich dann auch noch die Schwiegermutter ankündigte und darum bat, aufgenommen zu werden, begab sich mein Mann wieder auf die Suche.

Er fand eine Baracke, die leer stand, aber zur Hälfte kein Dach mehr hatte. Wir beschlossen, etwas daraus zu machen. Als wir mit der Reinigung begannen, stellten wir fest, dass alles voller Wanzen war und wir die Wände abkratzen und erneuern müssen. Werkzeuge hatten wir nicht, also trugen wir den Lehm mit den Händen auf.

Glücklicherweise gab es viel Wald, wir sammelten Bruchholz und konnten heizen. Als die Baracke hergerichtet war und wir eingezogen waren, wachte der Kleine mitten in der Nacht auf und schrie. Irgendwo hatten sich Wanzen versteckt und ärgerten ihn. Ich erinnerte mich, dass wir in Ilowatka auch welche hatten und meine Mutter daraufhin in den Wald ging, Eidechsen fing und sie in der Diele aussetzte. Also baute ich mir einen Kescher, denn wenn man sie am Schwanz packt, fällt er ab, ging im Morgenrauen in den Wald und setzte die gefangenen Exemplare im Haus aus. Nach ein paar Tagen war keine Wanze mehr zu sehen. Manchmal habe ich die nützlichen Tierchen wie Katzen mit Milch gefüttert, sie wurden zutraulich und liefen mir nach. Auch meiner Nachbarin haben sie gute Dienste geleistet. Es klang lustig, wenn sie über den Boden krabbelten.

Der erste Winter war sehr hart. Mein Mann arbeitete für Brot und ich strickte für die Leute Wollsocken und Handschuhe und nähte Jacken. Dafür bekam ich etwas Brot, Milch, Kartoffeln oder Mehl. Auf den Feldern buddelten wir gefrorene Kartoffeln aus und sammelten liegengebliebene Ähren von den Feldern, wenn der Schnee abgetaut war. Im Frühling kamen verschiedene Kräuter dazu: Brennnesseln, Sauerampfer, Löwenzahn und Wegerich. Daraus haben wir Suppen und Salate gemacht - man verwandelte sich fast in Vieh.

Balanda haben wir diese Suppen genannt, ohne Salz konnte man sie kaum herunterwürgen. Aber als wir einmal die Gleise entlanggingen, fanden wir kleine und mittelgroße Salzsteine, die wahrscheinlich von den Zügen heruntergefallen waren. So kamen wir zu Salz.

Im Frühling 1942 baten wir die Kolchose um Land, was wir auch bekamen. Aber Sämereien hatten wir nicht. Also sammelten wir Kartoffelschalen, die schon am Keimen waren, aus dem Müll der Kasachen und steckten diese in die Erde. Verschiedene andere Samen erbettelten wir bei den Einheimischen. Was bleib uns anderes übrig! Die Kasachen lachten über uns, aber es war keine Schande.

Jedes Pflänzchen wurde liebevoll gepflegt und schon im ersten Jahr hatten wir eine gute Ernte. Es ging von Jahr zu Jahr besser.
Als ich für eine junge Braut ein Kleid nähte, gab sie mir dafür ein Huhn und ein Ferkel. Kurze Zeit später reparierte mein Mann den Fuhrwagen einer anderen Familie und konnte sich aussuchen, ob er in Naturalien bezahlt werden will. Er entschied sich für ein Kälbchen, das sehr schwach war und dass wir erst einmal hochpäppeln mussten. Aber es gelang und bald hatten wir eine Milchkuh, mit der wir uns allmählich eine kleine Wirtschaft aufbauen konnten.

1944 bekam ich wieder Arbeit als Lehrerin und allmählich ging es bergauf mit uns. Ich bekam jeden Monat 10 kg Mehl, das reichte für "Riebelsuppe" oder um etwas zu backen und das schmeckte allemal besser als die Suppe aus Kräutern.

Während ich in der Schule war, blieb das Kind zu Hause. Alle zwei Stunden hatte ich eine Stunde frei, lief nach Hause, versorgte den Kleinen und spielte mit ihm und ging wieder arbeiten. Am Abend bereitete ich den Unterricht vor, korrigierte Hefte und half, das Vieh zu versorgen - die Hühner, die Kuh, das Schwein und das Kalb. Auch wenn all das sehr viel Arbeit bedeutete, waren wir sehr froh, endlich eigene Milch zu haben.

Als wir erfuhren, dass die Kapitulation unterschrieben worden war, dass der Krieg endlich zu Ende ist, waren wir überglücklich und voller Hoffnung, dass die Männer wieder nach Hause kommen. Sie fehlten an allen Ecken und Enden.
Für die Arbeit in der MTS bekamen die Männer Getreide, wir Frauen bekamen nichts. Da wir in einer Kolchose lebten, mussten wir einen Großteil unserer Ernte und der Milch an den Staat abgeben. Um unsere Tiere versorgen zu können, wies man uns Weideland zu, das wir mähen durften. Wenn das nicht ausreichte, gingen wir zu den Waldrändern und Lichtungen. Mein Mann hatte einen Wagen, vor den wir die Kuh spannen konnten. Wenn wir damit loszogen, saß der Kleine oben auf, lachte und rief: Hüh, Pferdchen, hot!

1946 brachte ich unseren zweiten Sohn zur Welt. Wir bekamen damals keinen Schwangerschaftsurlaub. Ich musste buchstäblich bis zur letzten Minute arbeiten und hatte danach drei Wochen Zeit, mich von der Geburt zu erholen. Aber wir waren gesund, es ging alles gut.

Als 1947 mehrere Männer aus dem Krieg heimkehrten, verkauften manche der Familien ihre Häuser und bezogen größere. Wir erwarben ein kleines Häuschen am See, da unsere alte Bleibe recht baufällig war. Das Haus hatte einen Stall, wir konnten also unser Vieh unterbringen. Es ging aufwärts mit uns, auch wenn wir immer darauf bedacht sein mussten, genügend Futter und Lebensmittel für den Winter vorrätig zu haben. Der Winter in Nordkasachstan ist sehr lang und bei 30 - 40 Grad unter Null sehr, sehr kalt.

Die Versorgung war damals schlecht, Brot gab es nicht zu kaufen und man musste es selbst backen. Aber wir hatten einen Garten und versorgten uns mit dem Nötigsten selbst. Zwar waren wir in der Fremde, aber wir lebten wieder etwas besser. Man musste nur Geduld haben. Außerdem gehörten wir zu den wenigen, die als Familie zusammen bleiben durften. Wir waren alle am Leben geblieben und gemeinsam war es leichter zu ertragen. Schwierig wurde es, wenn die Kinder draußen spielten oder in der Schule waren. Sie wurden mit Stöcken und Ruten geschlagen und von den anderen Kindern Faschisten genannt. Einmal setzten sie meinem Sohn Hörner auf und banden ihm ein Schwänzchen an die Hose, weil Faschisten Teufel für sie waren. Sie wussten es nicht besser, viele ihrer Väter wurden von deutschen Faschisten umgebracht, aber sie wussten nicht, wer wir sind.

Als wir 1941 nach Paludina kamen, wurden wir unter Kommandanturaufsicht gestellt. Wir mussten uns jeden Monat im NKWD-Gebäude melden und durften das Dorf nicht ohne Erlaubnis verlassen. Keiner wagte es, irgendwohin zu gehen, weil darauf Gefängnisstrafe oder Schlimmeres stand.
Als wir uns das erste Mal beim Kommandanten meldeten, sorgte ich für Verwirrung, denn ich wurde nach der Deportation für tot erklärt. Es gab keine Dokumente über mich, offiziell existierte ich also gar nicht. Man sagte mir: ‚Dem Dokument nach sind Sie und ihr Sohn nicht mehr am Leben.' Ich meinte: ‚Sie sehen doch, dass ich noch am Leben bin!' Der Kommandant fordert mich auf, meinen Sohn zu holen, weil er dachte, ich lüge! Als ich zurück war, spielte er mit meinem Sohn und fragte mich, wie das denn möglich sei und ich erwiderte: Ja, so sind die Menschen. Für tot erklärt, obwohl wir noch am Leben sind, und das zum zweiten Mal!' Verwundert stellte er uns ein Dokument aus, das bescheinigte, dass wir quicklebendig sind.

Bis 1955 mussten wir mit unserer Unterschrift bestätigen, dass wir noch da sind, aber erst 1956 erfuhren wir von der Aufhebung der Kommandantur. Niemand hatte uns darüber informiert, aber von nun an konnten wir uns wieder frei bewegen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon an einer Schule gearbeitet. Mein Vater schrieb mir einen Brief - er hatte von Bekannten erfahren, wo wir sind - und fragte, ob er uns besuchen kommen kann. Als er bei uns war, bat er meinen Mann, gemeinsam mit ihm an die Wolga zu fahren und den Heimatort zu besuchen. Er hoffte, dass er irgendetwas für die alte Wohnung bekommen würde. Sie kauften sich Billetts und als sie das Haus erreichten, wurde von den neuen Besitzern sogleich die Polizei verständigt. Man gab ihnen 24 Stunden, um zu verschwinden, ansonsten drohte ihnen eine Gefängnisstrafe. ‚Hoffnung ist keine', sagte mein Vater, als sie wieder bei uns waren, in den Dokumenten steht geschrieben, dass wir nie wieder zurück dürfen und unser Gut nie wieder unser sein wird. Wären wir nicht gegangen, hätte man uns in Gefängnis gesteckt. Mein Vater fuhr daraufhin wieder nach Sibirien und wir blieben in Kasachstan. Aber er ließ uns viele Adressen von Freunden und Verwandten da. Es wusste ja kaum jemand, wo es wen hin verschlagen hatte.

Nachdem uns die Rückkehr in unseren Heimatort verwehrt war, beschloss mein Mann, seine Schwester in Tscheljabinsk zu besuchen. Er war sehr schwer an Asthma erkrankt, brauchte eine klimatische Veränderung und hoffte dort eine neue Arbeit zu finden, damit wir unser Leben in der Stadt verbringen können. Da ich an einer Schule beschäftigt war, konnte ich nicht einfach so gehen. Wir entschieden, dass ich und die Kinder nachkommen, wenn er eine Arbeit gefunden hat.

Als es soweit war, musste ich fast alles verkaufen - wir hatten unser kleines Häuschen mit Anbau fast fertig gebaut und besaßen sogar eine Kuh, Schweine und Gänse. Von dem Geld habe ich die Billetts nach Tscheljabinsk gekauft und den Transport unserer persönlichen Sachen und Möbel organisiert.

Bei seiner Schwester blieben wir nicht lange, denn auch ich fand sehr schnell eine Arbeit im 17 km entfernten Internat. Auf Dauer war es zu weit, täglich mit dem Bus zu fahren, also bat ich meinen neuen Arbeitgeber, mir eine Wohnung zu vermitteln, was auch klappte. Die Wohnung hatte sogar eine Toilette und eine Küche.
Wir wohnten in der Nähe der Wälder. Die Idylle war einzig durch die kilometerlangen Baracken getrübt, die dort standen und .... wenn wir in den Wäldern spazieren gingen, ragten noch die Knochen aus dem Boden. Wie viele Menschen wohl auf diese Art begraben worden sind? Sie wurden einfach verscharrt. Ohne Grabstein, ohne Grab. Es war schrecklich.

Mein Mann suchte sich sehr bald eine Arbeit, die nicht ganz so weit von unserem neuen Heim entfernt war. Ein Bekannter bot ihm an, bei ihm das Friseurhandwerk zu lernen.
In Tscheljabinsk waren wir von 1957 bis 1961.
Mein Mann war Asthmatiker und als seine Erkrankung schlimmer wurde, riet ihm der Arzt, in eine wärmere Region zu ziehen. Er wurde ständig krankgeschrieben und konnte kaum mehr arbeiten. Es war schwierig, schon wieder alles zurückzulassen, weil wir dort gut gewohnt haben - die Eichhörnchen waren so zutraulich, dass sie bis ans Fenster kamen.

Aber in Sibirien konnte mein Mann nicht länger bleiben. Eine unserer Bekannten lebte in Kirgisien. Sie schrieb, dass es dort nicht so kalt ist und dass kaum Schnee fällt. Also fuhr mein Mann nach Frunse und ich beschloss, ihm nachzureisen, wenn er eine Wohnung für uns gefunden hat. Ich konnte doch sein Schicksal nicht entscheiden! Schweren Herzens kündigte ich im Internat und löste die Wohnung auf. Ich musste immer alles allein regeln und mich um den Verkauf kümmern.
Ein Freund half mir, den Möbeltransport zu organisieren. Unser Hab und Gut kam zeitgleich mit uns in Frunse an. Wir luden alles aus, stellten die Möbel in der viel zu kleinen Wohnung auf und begannen recht bald damit, uns eine neue Bleibe zu suchen.

Ich fragte unseren Wirt, ob er nicht jemanden kennt, der ein Haus verkauft. Ich hatte ihm dummerweise gesagt, dass wir durch den Verkauf der Wohnung und aufgrund unseres Ersparten über eine Summe von 18000 Rubel verfügen. Die Häuser in der Stadt waren unbezahlbar, aber im Rayon selbst, am Fluss, in der Nähe des Elektrizitätswerks, in dem später mein Mann und mein Sohn arbeiteten, waren die Preise bezahlbar. Ein Mann hatte ein Haus zum Verkauf ausgeschrieben, das er nicht zu Ende bauen konnte, zwei Zimmer waren aber fast bezugsfertig. Als ich ihn fragte, was er dafür haben will, meinte er 18000 Rubel, er muss mit dem Wirt geredet haben. Uns war das eigentlich zu teuer, aber was sollten wir machen? In der Stadt kosteten Häuser sehr viel mehr und die Wohnung war zu klein. Aber bereut haben wir diesen Kauf nie. Das Haus hatte einen großen Garten, Himbeeren, Apfel- und Birnbäume waren schon angepflanzt. Es gab einen Stall, also konnten wir Vieh halten, ein Ofen war eingebaut und eine Küche mit Herd war auch vorhanden.

Wir haben uns soweit es ging eingerichtet, alles gereinigt und gestrichen. Mein Mann fand eine Arbeit in der MTS und ich bekam in der Stadt eine Stelle als Lehrerin. Die Kinder gingen zur Schule und nahmen ein Studium auf. Es war schrecklich für mich, als sie zum Wehrdienst mussten. Kaum war der Ältere daheim, haben sie den Jüngeren eingezogen. Drei Jahre lang mussten sie dienen. Wir haben insgesamt 33 Jahre in Kirgisien gelebt. 1985 starb mein Mann. Ich ging in Rente und arbeitete am Abend als Reinigungskraft.
Als sich die Sowjetunion auflöste und Kirgisien unabhängig wurde, brach eine Krise in unserer Gegend aus. Es gab Mord und Totschlag, man plünderte und raubte. Abends traute man sich kaum auf die Straße, es war zu gefährlich.

Die Kirgisen, die ihr bisheriges Leben in Zelten verbracht hatten, wollten auf einmal Herrscher sein und nahmen sich alle Rechte. Sie übernahmen die Regierung, die Wohnungen, die Arbeitsfelder und die Schulen. Alles wurde immer teurer und keiner verstand, warum. Die Renten zahlten sie mit 1-2 monatiger Verspätung aus, die Gehälter ebenso. Als die Krise begann, haben wir uns an die Caritas gewandt, die uns half unsere Ausreisedokumente zu beantragen.

Unsere Lage verschlechterte sich zusehends, materiell wie rechtlich. Wir wurden benachteiligt, weil wir keine Kirgisen, sondern wieder die unerwünschten Deutschen waren. An die Wolga konnten wir auch jetzt nicht zurück, unsere Häuser samt Inventar gehörten Russen. Wir hatten jeglichen Anspruch verloren und es gab keine Möglichkeit, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Also arbeiteten wir, bis wir das Land verlassen konnten.

Die Entscheidung auszureisen fiel uns nicht schwer, und die Caritas und das Rote Kreuz haben uns sehr dabei geholfen. Sie sagten uns, welche Papiere wir brauchen, woher wir sie bekommen und gaben uns Ratschläge. Wir hofften darauf, dass der Hass gegen uns endlich ein Ende nimmt, wenn wir woanders hingehen. Aber wir hatten auch Angst davor, was aus uns wird. Wir Älteren haben die deutsche Sprache nicht vergessen, aber unsere Kinder mussten Russisch sprechen, sie konnten kein Deutsch und wir mussten uns damit auseinandersetzen, wie es ist, wieder alles zurück zu lassen, von vorn zu beginnen und mit einer neuen Regierung, einer anderen Lebensweise und Ordnung zurecht zu kommen. Aber schließlich entschieden sich sehr viele dafür, in ihre noch unbekannte, historische Heimat zu gehen.

In Frunse gab es ein Büro, das für sehr viel Geld unsere Dokumente übersetzte. Es gibt immer Menschen, die wissen, wie und wo sie Geschäfte machen können. Sicher, die Unkosten waren enorm, aber wer die Ausreise wagen wollte, hatte kaum eine Wahl. Schließlich bekamen wir die Genehmigung und meine Söhne und ich konnten das Land verlassen. Das ist alles schnell erzählt, aber so hurtig ging es dann doch nicht - all das hat mehr als zwei Jahre gedauert. Überall hieß es warten, warten, warten .... aber am 8. Juni 1994 war es soweit, um vier Uhr am Nachmittag erreichten wir Hannover.
Wir haben unzählige Male von vorn beginnen müssen. Die Finger reichen nicht, wenn man das alles zählen will.

Erst kam die Kollektivierung, sie nahmen uns das Vieh weg, aber vorerst konnten wir dort wohnen bleiben. Als wir entkulakisiert wurden, schickte man uns nach Ilowatka und mein Vater war drei Jahre in Dobrinka inhaftiert. Dorthin zogen wir, als er aus der Haft entlassen wurde. Von Dobrinka gingen wir nach Dreispitz, von Dreispitz nach Balzer. Dann wurden wir nach Kasachstan in das Dorf Gankino gebracht und kamen eine Weile bei dieser Frau unter, die uns so sehr geholfen hat. Dann gingen wir nach Paludina. Nach der Aufhebung der Kommandantur zogen wir nach Tscheljabinsk und verbrachten die letzten Jahre in Frunse in Kirgisien. Und jetzt sind wir hier in Leipzig.
Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, wie es ist, wenn man so oft umzieht. Der Verstand reicht manchmal nicht.

Als mein Vater sein Heimatdorf verließ, um als Pfarrer zu arbeiten, hatte er nichts und musste sich eine Existenz aufbauen. Dann ging er nach Stephan und begann mit Hilfe seiner Mutter wieder von vorn. In den ersten Jahren hatten wir wenigstens eine Wohnung, aber als uns bei der Entkulakisierung alles abgenommen wurde - das Vieh, das Haus, einfach alles - ,hatte jeder ein kleines Beutelchen in der Hand und nichts weiter. Zu Fuß mussten wir das Dorf verlassen und runter an die Wolga gehen. Dort wurden wir auf die andere Seite der Wolga in Ilowatka abgesetzt und mussten zusehen. Und so ging es weiter.

Als wir nach Deutschland kamen, hatten wir wieder nichts, 13 kg Gepäck durfte jede Person mit sich führen. Wir mussten alles billig verkaufen, man hat uns belogen und betrogen, das Geld hat gerade mal für den Weg hierher gereicht. Für unseren Besitz bekamen wir 2000 Mark, ein Billet hierher kostete 200 Mark. Das restliche Geld haben wir für den Flug ausgegeben. Die Menschen dort waren so niederträchtig! Als wir im Flugzeug saßen, habe ich ein Lied gesungen: ‚Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, nehme Abschied von euch allen. Was mich erwartet im neuen Land, ist mir unbekannt. Aber hier ist kein Bleiben mehr. Auf Wiedersehen.' Einen solchen Moment vergisst man nicht. Die Tränen rollten mir über die Wangen.

Und so ist es: Heimat ist dort, wo man eine Familie sein kann, wo man ein Obdach hat, sich geborgen und als Mensch und als Bürger geschätzt fühlt - wo man gleichberechtigt leben kann und nicht verspottet und beschimpft, nicht gehasst oder arretiert wird. Heimat ist dort, wo man nicht wie ein fremder Hund im Dorf verjagt, verfolgt und ausgehungert wird. Was die Regierung veranlasste, hatte nichts mit Menschlichkeit zu tun! Immer waren wir die Faschisten! Wie Teufel haben sie uns behandelt, nicht wie Menschen. Was haben wir denn getan? Und jetzt bittet Russland uns, zurückzukommen. Aber wer das erlebt hat, was uns widerfahren ist, der geht nicht zurück, vielleicht die jüngeren Leute, aber nicht wir.

Vorletzte Nacht habe ich kaum ein Auge zugetan - was wir alles erlebt haben!

Wir sind in Hannover gelandet und fuhren mit dem Bus nach Friedland. Der Weg war so schön - die gepflasterten Straßen, die Blumen, die Wälder, einfach alles! In Friedland gab man uns Kleider und Schuhe und schon nach einem Monat bekamen wir finanzielle Hilfe. Wir haben immer wieder alles verloren und hier in Deutschland bekamen wir etwas! Ich bin diesem Land so dankbar. Hier wird sehr viel für uns getan und die Caritas und das Rote Kreuz helfen, wo sie nur können. Dort sind wir herumgereist, weil wir mussten und hier haben wir die Möglichkeiten. Ich habe mir sehr viel angesehen, alles ist so schön hier.

Ich kann kaum ausdrücken, wie dankbar ich bin.
Unsere Geschichte war so viele Jahre geheim, jetzt will ich sie offenbar machen. Ich will davon erzählen, wie es uns ergangen ist, was durch Stalin nicht nur uns, sondern all seinen Feinden widerfuhr. Kirow war mitfühlender, aber er wurde getötet. So viele haben für Stalin gearbeitet und auf einmal waren sie nicht mehr da, weil sie erschossen oder verhaftet wurden. Sicher, all diese Erzählungen strengen mich an, aber es muss sein. Es betraf so viele. Nur mit Gottes Hilfe haben wir all das überlebt. - Sollte man nicht all die Gebete weitergeben? Ich halte es wie Jesus: Köpft mich, kreuzigt mich - ich glaube! Macht mit mir, was ihr wollt, von meinem Glauben werde ich niemals abrücken - meinen Glauben, den hab ich im Herzen!


Die Erzählung stützt sich auf die Memoiren von Frieda Kaiser.
Interview: Anna Beller und Andrea Kilches


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